Alternatives Hundetraining
Mit dem Hund auf Augenhöhe
 
 
 

2021-04-25

Wer ist hier der Boss - Dominanz und Rudelführer

ACHTUNG – bei den folgenden Zeilen handelt es sich um meine eigenen Gedanken, Meinungen und Gefühle und nicht um wissenschaftlich fundierte Aussagen!

Die Hundeszene wächst unaufhaltsam. Verschiedenste Meinungen, Erziehungsrichtungen und Emotionen spalten die Hundefreunde und sorgen nicht selten für hitzige Diskussionen. In einer Sache sind sich aber viele einig: Wir Menschen müssen die Leitung übernehmen – anderenfalls sind Probleme vorprogrammiert. Der „Hundeführer“ (aus historischen Gründen stösst mir hier bereits der zweite Wortteil sauer auf) sagt wo es lang geht, wann gefressen wird, mit wem gespielt wird und und und… Und ob man will oder nicht, ein Wort ist aus der Hundeszene nicht mehr wegzudenken: die sogenannte Dominanz (als Ursache allen Übels). Vertreter der Dominanztheorie(n) sagen, der Hund will eine strikte Rangordnung und benötigt uns Menschen als Anführer. Übernehmen wir diese Rolle nicht, oder nur ungenügend, nimmt der Hund den Zügel in die Pfote und tanzt uns mächtig auf der Nase herum.

Leider muss ich mich an dieser Stelle outen, denn auch ich vertrat damals den Glauben, Rudelführer sein zu müssen: vor dem Hund essen, vor dem Hund aus der Türe treten, vor dem Hund laufen, das Spiel beginnen, das Spiel beenden usw. Allerdings habe ich das nicht besonders lange durchgehalten (danke Mama), da ich selbst eher in eine antiautoritäre Richtung erzogen wurde. Dieses Konzept der Unterordnung stimmte folglich nicht mit meiner Einstellung und Erfahrung überein. Zunächst verabschiedete ich mich von dem „Rudel-Gedanken“. Schaut man sich im Duden die Definition eines Rudels an, sollte wohl jedem klar werden das hier in Bezug auf das Zusammenleben zwischen uns und unserem Hund irgendetwas nicht stimmen kann: Ein Rudel ist eine Gruppe wild lebender Säugetiere der gleichen Art (die sich für eine bestimmte Zeit zusammengeschlossen haben). Des Weiteren stellte ich mir die Frage, was denn Dominanz eigentlich ist. In der Genetik sind Eigenschaften von Erbfaktoren, die sich gegenüber schwächeren durchsetzen dominant. Innerhalb von Individuen / Gruppen beschreibt Dominanz eine soziale oder territoriale Überlegenheit z. B. bei der Nahrungsaufnahme, Körperpflege, dem Fortpflanzungsverhalten und ist wichtig für die Arterhaltung (https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/dominanz). Auch hier handelt es sich also um ein Verhalten innerhalb einer (innerartlichen) Beziehung. Was sagt uns das? Streichen müssen wir diese und ähnliche Begriffe nicht aus unserem Wortschatz, wir sollten sie aber im richtigen Kontext verwenden. So weit, so gut.

Was brauchen also unsere Hunde, um in dieser verrückten Welt ein glückliches Leben zu führen und gleichzeitig in die „gesellschaftlichen Normen“ zu passen? 
Kontrolle, gepaart mit den – nennen wir es mal durchschnittlichen – Hundeschul-Erziehungspraktiken ist nicht das Mittel zum Zweck. Dies führte mir meine eigene Hündin deutlich (und manchmal auch schmerzhaft für mich) vor Augen. Sitz, Platz, Bleib: Alles kein Problem für einen cleveren Schäferhund wie Cuba. Aber wehe ein anderer Hund wagte es, sich am Horizont in unser Sichtfeld zu begeben. Dann war es vorbei mit den vermeintlich guten Manieren und der sonst so ruhige Hund wurde zur Bestie. Ein Teufelskreis aus Frust, Stress und Verzweiflung nahm seinen Lauf! So schluckte ich also mein „Ich lese doch so viele Fachbücher und besuche so viele Weiterbildungen-Ego“ sowie meinen „als Tierpflegerin müsste ich das doch besser wissen-Stolz“ hinunter und wendete mich an eine Tierverhaltensberaterin. Mit Erfolg lernten wir (Cuba und ich) neue Strategien für schwierige Alltagssituationen und unsere angeschlagene Beziehung hat sich merklich verbessert. Und hierfür brauchten wir weder neue Kommandos noch musste ich beweisen, dass ich der Boss bin. Ich musste lediglich meinen Horizont erweitern und mich öffnen für andere Sichtweisen. Manche mögen nun das Gefühl haben, dass mein Hund alles darf und ich mich von jeglichen Erziehungsmethoden verabschiedet habe. Das stimmt natürlich nicht. Es braucht klare Strukturen und Grenzen, diese sollten aber fair gesetzt sein und nicht mit Hilfe von Zwang durchgesetzt werden.
Folgendes habe ich also gelernt, um abschliessend die zu Beginn dieses Abschnittes gestellte Frage zu beantworten. Das braucht unser Hund für ein harmonisches Zusammenleben mit uns Zweibeinern:
- Wir müssen hündisch lernen und unseren Hunden zuhören. Unsere Achtsamkeit geht in unserem manchmal hektischen Alltag mehr und mehr verloren. Bewusstes Beobachten hilft uns, unseren Hund besser kennenzulernen. Signale von Stress, Unwohlsein und Überforderung müssen wir kennen und darauf entsprechend Rücksicht nehmen. Weiter sollten wir Profis werden, wenn es darum geht das Sozialverhalten sowie die Bedürfnisse unserer treuen Begleiter zu kennen, zu respektieren und vollumfänglich zu decken.
- Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Bezüglich Hundeerziehung sollten wir uns verabschieden von militärischer Kommandogebung und ständiger Kontrolle. Ausserdem sollten wir unsere Ansprüche gegenüber dem Hund (und was er alles können soll) überdenken. Meist meinen wir es gut (wissen es vielleicht auch nicht besser), schränken aber die Entwicklung von wirklich wichtigen Fähigkeiten und Kompetenzen ein (nämlich denen, die man in realen Alltagssituationen benötigt). Erstrebenswert aus meiner Sicht ist ein gewaltfreier Umgang mit unseren Hunden, indem wir den Einsatz aversiver Erziehungsmethoden stets kritisch hinterfragen und stattdessen auf faire Grenzen und Orientierungshilfen setzen. Wir sollten Kreativität fördern, Vertrauen in sich selbst, uns Menschen und die Umwelt stärken, die Persönlichkeiten und Vorlieben von jedem einzelnen Individuum beachten und allgemein fröhlich und positiv mit unseren Hunden durch die Welt gehen. 
- Der Hund bindet sich bedingungslos an uns und verzeiht uns so manchen Fehler. Deshalb sollten wir es nicht als eine Pflicht ansehen, mit ihm Zeit zu verbringen, ihn zu füttern, frisches Wasser bereitzustellen, ihn medizinisch zu versorgen sowie seinen Ansprüchen nach geistiger und körperlicher Auslastung und Sozialkontakten gerecht zu werden. Nein – es muss uns Spass machen. Wir sollten jeden Augenblick auskosten, im Hier und Jetzt mit unserem Hund sein und es geniessen, von ihm lernen zu dürfen. Wir tragen die Verantwortung für sein Wohlbefinden und seine Sicherheit Zuhause, unterwegs und in Interaktion mit der belebten und unbelebten Umwelt.

Kurzum: Lasst uns alle unsere Herzen öffnen und eintauchen in die Welt der Hunde. Lasst uns gemeinsam mit ihnen innehalten, Zeit nehmen, dem Alltag mit mehr Leichtigkeit entgegentreten, öfter mal auf unser Bauchgefühl hören, achtsam sein und das Leben geniessen.

 

Admin - 14:33 | Kommentar hinzufügen

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